Ein Name, den nicht ich erfand. Der junge Arzt sprach ihn zuerst aus, als er eines Nachts sagte, die Minuten vor der völligen Dunkelheit und vor dem ersten Morgenlicht seien die einzigen, in denen die Welt ehrlich wirke. Weder Tag noch Nacht. Weder Leben noch Traum. Ich ließ ihm den Namen. Sterbliche lieben Dinge mehr,...
Es dauerte nicht lange, bis die Nacht selbst auf mein Vorhaben aufmerksam wurde. Nicht die Sterblichen. Sie sahen nur, was sie sehen konnten: ein rußgeschwärztes Gebäude, Handwerker, Glas, Kabel, Kisten voller Instrumente, Rechnungen, Lieferungen zu ungewöhnlichen Stunden. Für sie war ich ein reicher Sonderling, vielleicht ein Forscher, vielleicht ein Wahnsinniger mit zu viel Geld und...
Ich hatte geglaubt, die Welt habe sich verändert. Doch in Wahrheit hatte sie nur begonnen, ihre wahre Gestalt zu zeigen. Nach meinem Erwachen irrte ich wochenlang durch eine Stadt, deren Namen ich nicht kannte, obwohl sie vielleicht längst über meinen alten Gräbern gewachsen war. Die Straßen waren gepflastert und nass vom Regen. Über ihnen hingen...
Jahrzehnte lang glaubte ich, Macht sei etwas Beständiges, wenn man sie nur fest genug umklammert. Gold, Land, Schuldbriefe, Gefallen, alte Bündnisse — ich hatte alles gesammelt wie ein Drache, überzeugt davon, dass mein Schatz mich unangreifbar machte. Doch die Welt veränderte sich, und sie tat es nicht nach den Regeln der Untoten. Sie tat es...
Zuerst hielt ich es für eine Laune des Lichts. Es geschah an einem Morgen, der keiner war, in einem Zimmer ohne Fenster, während ich über einer Schale alten Wassers saß und mein Spiegelbild nur undeutlich in der zitternden Oberfläche erkannte. Mein Gesicht war noch mein Gesicht. Die Stirn, die Wangen, die Linie meines Mundes. Und...
Zwei Jahre lebten wir nun in Gádir – der südlichsten Zunge des Festlands, wo das Meer das Land küsst und die Nächte schwer von Salz und Geschichten sind. Banhem und Hannoel hatten ihren Platz unter den Sterblichen gefunden: einfache Männer mit einfachen Aufgaben, unauffällig und nützlich. Ich hingegen war in dunklere Kreise eingetaucht, dorthin, wo...
Ein halbes Jahr war vergangen. Sechs Monate im Schatten, sechs Monate voller Jagd, Angst und Schuld. Und doch auch sechs Monate des Lernens. Ich hatte begonnen, mich zurechtzufinden. In der Dunkelheit, in meinem neuen Dasein, in einer Welt, die mich nicht kannte. Ich lernte, dass Einsamkeit Schutz sein konnte – aber auch ein langsamer Tod....
Ich hätte es erwarten müssen. Und doch war ich nicht vorbereitet, als ich ihr begegnete. Einer von ihnen. Einer von uns. Eine andere Kreatur der Nacht. Die Frau trat aus der Finsternis wie aus einem Riss in der Welt. Ich war gerade auf der Suche nach meinem nächsten Opfer – mein Hunger drängte, nagte, brannte...
Ich hatte es mir geschworen. Ich würde nie werden wie er. Wie Abd-Melqart, mein Erzeuger, mein Fluchbringer. Ich hatte mir eingebildet, anders zu sein. Weniger kalt, weniger grausam. Doch als ich eines Nachts durch die dunklen Gassen Karthagos streifte, den Geruch von Angst in der Nase, da wusste ich: Der Hunger hatte mich längst auf...
Damals, im Jahr 512 vor Christus, war mein Herz noch warm und meine Haut bronzen vom Licht Karthagos. Ich war Magon, Sohn des Acherbal und der Astartid, geboren unter dem flimmernden Himmel einer Stadt, die zwischen Glanz und Schatten lebte. Mein Weg war früh bestimmt: Ich wollte Wache sein – nicht für die Stadt, nicht...