Es geschah in der Oper, an einem jener raren Abende, an denen ich mich unter die Sterblichen mischte, weil Armand es als kluge Geste gegenüber seinem Hof verlangte – Anwesenheit ohne Nähe, ein Gesicht unter vielen in der Dunkelheit der Ränge. Ich saß im Schatten einer Loge, als sie die Treppe herabkam, am Arm eines...
Es war ein Zufall, weiter nichts. Ich saß mit Gisgo im äußeren Saal des Nachtinstituts, in ein Gespräch über Armands neueste Andeutungen vertieft, als von der Straße herüber Musik drang – eine kleine Gruppe wandernder Spieler, die sich vor einem der Handwerkerhäuser niedergelassen hatte, Nachfahren iberisch-punischer Familien, die noch die alten Weisen kannten, gespielt für...
Die Nachricht erreichte mich nicht durch einen Brief, nicht durch Élodies Spione, nicht einmal durch Armands schriftlichen Hinweis. Sie erreichte mich durch etwas viel Beiläufigeres: eine Randnotiz in einem der Berichte, die die Gesellschaft der blauen Stunde mir zutrug – ein Uhrmacherkollege erwähnte beiläufig einen „Vorfall“ unten an den Docks, im südlichen Hafenviertel derselben Stadt,...
in Magons Vermächtnis, Thousand Year old Vampire Eintrag 11 | Zwischen Zeichen, Namen und Schlafenden
Das Spiel mit Élodie – wenn man es überhaupt ein Spiel nennen durfte, da keiner von uns die Regeln kannte, nur die Züge des anderen – hatte etwas in mir verändert, das ich zunächst nicht benennen konnte. Nächtelang hatte ich mich daran gewöhnt, jeden Satz doppelt zu wägen, jede Geste als möglichen Köder zu lesen,...
Ein Name, den nicht ich erfand. Der junge Arzt sprach ihn zuerst aus, als er eines Nachts sagte, die Minuten vor der völligen Dunkelheit und vor dem ersten Morgenlicht seien die einzigen, in denen die Welt ehrlich wirke. Weder Tag noch Nacht. Weder Leben noch Traum. Ich ließ ihm den Namen. Sterbliche lieben Dinge mehr,...
Es dauerte nicht lange, bis die Nacht selbst auf mein Vorhaben aufmerksam wurde. Nicht die Sterblichen. Sie sahen nur, was sie sehen konnten: ein rußgeschwärztes Gebäude, Handwerker, Glas, Kabel, Kisten voller Instrumente, Rechnungen, Lieferungen zu ungewöhnlichen Stunden. Für sie war ich ein reicher Sonderling, vielleicht ein Forscher, vielleicht ein Wahnsinniger mit zu viel Geld und...
Ich hatte geglaubt, die Welt habe sich verändert. Doch in Wahrheit hatte sie nur begonnen, ihre wahre Gestalt zu zeigen. Nach meinem Erwachen irrte ich wochenlang durch eine Stadt, deren Namen ich nicht kannte, obwohl sie vielleicht längst über meinen alten Gräbern gewachsen war. Die Straßen waren gepflastert und nass vom Regen. Über ihnen hingen...
Jahrzehnte lang glaubte ich, Macht sei etwas Beständiges, wenn man sie nur fest genug umklammert. Gold, Land, Schuldbriefe, Gefallen, alte Bündnisse — ich hatte alles gesammelt wie ein Drache, überzeugt davon, dass mein Schatz mich unangreifbar machte. Doch die Welt veränderte sich, und sie tat es nicht nach den Regeln der Untoten. Sie tat es...
Zuerst hielt ich es für eine Laune des Lichts. Es geschah an einem Morgen, der keiner war, in einem Zimmer ohne Fenster, während ich über einer Schale alten Wassers saß und mein Spiegelbild nur undeutlich in der zitternden Oberfläche erkannte. Mein Gesicht war noch mein Gesicht. Die Stirn, die Wangen, die Linie meines Mundes. Und...
Zwei Jahre lebten wir nun in Gádir – der südlichsten Zunge des Festlands, wo das Meer das Land küsst und die Nächte schwer von Salz und Geschichten sind. Banhem und Hannoel hatten ihren Platz unter den Sterblichen gefunden: einfache Männer mit einfachen Aufgaben, unauffällig und nützlich. Ich hingegen war in dunklere Kreise eingetaucht, dorthin, wo...