Das Spiel mit Élodie – wenn man es überhaupt ein Spiel nennen durfte, da keiner von uns die Regeln kannte, nur die Züge des anderen – hatte etwas in mir verändert, das ich zunächst nicht benennen konnte. Nächtelang hatte ich mich daran gewöhnt, jeden Satz doppelt zu wägen, jede Geste als möglichen Köder zu lesen, jeden Besucher meines Instituts als potenziellen Boten einer Toreador, die mich verstehen wollte, ohne mich je zu sehen. Ich hatte gelernt, mich selbst als Text zu behandeln – etwas, das man verfasst, redigiert, mit Bedacht auslegt. Doch ein Wesen, das sich ständig selbst als Botschaft komponiert, verliert irgendwann die Fähigkeit, einfach nur zu sein. Und so geschah es, in einer jener seltenen Stunden, in denen ich mich unbeobachtet glaubte, dass meine Hand begann, etwas zu tun, das nicht für Élodie bestimmt war. Nicht für Armand. Nicht für die Sterblichen der Gesellschaft. Nur für mich.
Ich saß an meinem Arbeitstisch, die Feder noch feucht von jenen sorgsam gewählten Halbwahrheiten, mit denen ich Victor Salomon zuletzt gefüttert hatte, als ich bemerkte, dass meine linke Hand längst aufgehört hatte, Buchstaben zu formen. Sie zeichnete. Kreise, die sich in kleinere Kreise falteten, Linien, die sich wie Sicheln bogen und wieder in sich selbst zurückliefen – ein Muster, vertraut und fremd zugleich, so wie ein halb erinnertes Gesicht vertraut und fremd zugleich ist. Ich hielt inne, betrachtete das Blatt, und ein kalter Schauer – so nah, wie ein Toter ihn noch empfinden kann – lief mir über den Nacken.
Ich hatte dieses Muster schon einmal gesehen. Nicht auf Papier. Im Staub. Vor sehr, sehr langer Zeit, an einem Ort, der nach Weihrauch roch und dessen Namen mir längst entglitten war. Der Tempel. Es musste der Tempel gewesen sein. Vielleicht eine Übung, die Yaton-Tanit mich lehrte, in einer jener stillen Stunden zwischen zwei Gebeten. Vielleicht ein Ritual, das ich als Wache belauschte, ohne es zu verstehen. Vielleicht nur ein Kinderspiel meiner eigenen tastenden Finger, ehe ich wusste, was ich tat. Die Erinnerung selbst ist fort – ich kann kein Gesicht, keine Worte, keinen Grund mehr dazu finden. Doch meine Hand erinnert sich, wo mein Geist längst schweigt, und in dieser Erkenntnis lag etwas, das ich lange nicht mehr gefühlt hatte: Trost.
Denn hier, in diesen Linien, konnte mich niemand belauern. Élodie nicht, ihre Spione nicht, nicht einmal Armand mit seiner wachsamen Distanz. Seither lasse ich meine Hand gewähren, wann immer die Last des ständigen Kalkulierens zu schwer wird. In den stillen Stunden vor der Dämmerung fülle ich Bögen um Bögen mit diesen Zeichen, halb Kunst, halb Beschwörung, und ich habe begonnen, sie zu ordnen, zu variieren, zu einer eigenen stillen Grammatik zu formen, die niemand außer mir lesen kann – vielleicht, weil sie nichts Bestimmtes sagt, sondern nur bezeugt, dass einmal jemand da war, der diese Formen kannte, bevor er selbst vergaß, wer er war.
Der junge Arzt fand eines der Blätter und nannte es „außerordentlich“, ein Wort, das er sonst nur für seine eigenen Diagramme reservierte. Ich ließ ihn glauben, es sei eine neue Notationsform für meine Gedächtnisordnung, ein Vorläufer jener Systematik, die wir in der Gesellschaft der blauen Stunde verfeinerten. Vielleicht ist es das sogar. Doch für mich ist es mehr: der einzige Ort, an dem ein Teil von Magon noch spricht, auch wenn Magon selbst nicht mehr weiß, was er zu sagen versucht – und der einzige Ort, an dem der Architekt nicht komponiert, sondern nur noch fühlt.
Ich hatte die Zeichnung noch nicht beiseitegelegt, die Tinte war noch nicht trocken, als der Diener mir den Brief brachte. Meine Finger, noch schwarz von jenen Formen, die ich selbst nicht deuten konnte, hielten den Umschlag, ehe mein Verstand begriff, was ich hielt.
„Den Herrn des Nachtinstituts, betreffend eine Angelegenheit von historischem Belang.“
Ich hätte ihn ignorieren können – Bittsteller, Neugierige und Sammler von Kuriositäten schrieben mir häufiger, als mir lieb war, seit die Gesellschaft der blauen Stunde meinen Namen in gewisse Kreise trug. Doch ein Name in diesem Brief hielt mich fest wie eine Klinge zwischen den Rippen: Sergio Parion.
Für einen langen Moment saß ich reglos da, das halbfertige Zeichen unter meiner Hand, der Brief in der anderen, und fragte mich, ob es Zufall sein konnte, dass an demselben Abend, an dem meine Hand nach vergessenen Formen tastete, jemand anderes nach meinem vergessenen Namen griff. Die Absenderin hieß Clara Fenn, Archivarin am städtischen Museum, jung, ehrgeizig, mit dem hungrigen Blick jener, die glauben, Geschichte sei etwas, das man bergen und besitzen könne. Bei der Katalogisierung eines Nachlasses – Papiere eines gadeirischen Handelshauses, über Umwege nach Norden verschifft, ehe Gádir selbst zu einem Namen aus alten Büchern wurde – war ihr ein Tagebuchfragment in die Hände gefallen. Verblasste Tinte, eine fremde, gemischte Schrift, halb phönizisch, halb in einer Sprache, die keiner ihrer Kollegen benennen konnte. Und darin, wieder und wieder, mit derselben eigenwilligen Schleife wie am Buchstaben S, die ich selbst noch heute unbewusst in jedes Papier ritze, in jedes jener Zeichen, die meine Hand allein für mich formt: Sergio Parion.
Sie hatte diese Schleife wiedererkannt – auf einem Schriftstück meines Nachtinstituts, das ich unbedacht einem Lieferanten überlassen hatte, achtlos, wie man eine Spur hinterlässt, ohne zu wissen, dass jemand danach sucht. Anders als Élodie, die mich wie eine Komposition zu entschlüsseln versuchte, wollte Clara nicht mein Geheimnis. Sie wollte meine Genealogie – eine Geschichte, die sie schreiben, veröffentlichen, mit ihrem eigenen Namen versehen könnte. Zwei Jägerinnen, dachte ich, die mich aus vollkommen verschiedenen Richtungen belauerten: die eine auf der Suche nach Schönheit und Bedeutung, die andere auf der Suche nach Beweis und Herkunft.
Ich empfing Clara im äußeren Saal, ließ sie glauben, ich sei ein Nachfahre mit gesammeltem Familienbesitz, und tauschte höfliche Neugier gegen höfliche Auskünfte. Sie erzählte mehr, als sie ahnte; ich erfuhr, dass das Museum Zugang zu Beständen besaß, von denen selbst Armands Tremere nichts wusste – Schiffslisten, Grundbücher, Kirchenregister aus drei Jahrhunderten, unter einem Dach versammelt, geordnet nach einer Logik, die meiner eigenen Gedächtnisordnung nicht unähnlich war. Ich bot ihr an, das Fragment gemeinsam zu „erschließen“, ihr gelegentlich Hinweise zu geben, die ihre Karriere befördern würden, sofern sie mir im Gegenzug Zugang zu ihrem Archiv gewährte, wann immer ich ihn brauchte. Sie unterschrieb diesen Handel nicht mit Tinte. Sie unterschrieb ihn mit ihrem Eifer – und mit meinem Blut das sie kostete. Seither frage ich mich manchmal, beim Zeichnen jener alten Formen, ob es meine Hand ist, die sich erinnert – oder ob etwas in mir längst weiß, dass ich, so sehr ich mich auch in neue Namen kleide, immer gefunden werden will.
Mit Clara und ihrem Archiv hatte ich mir eine weitere Tür geöffnet – doch jede geöffnete Tür verlangt auch neue Vorsicht, neue Mittel, neue Wege, unbemerkt zu bleiben, während zwei Frauen aus zwei Richtungen an meinem verborgenen Namen zogen. Ich brauchte etwas, das mich nährte, ohne dass es je zu einer dritten Spur führen würde. Und da erinnerte ich mich an ein Gesicht aus der Gesellschaft der blauen Stunde, das ich bislang kaum beachtet hatte.
Es war Dr. Marlene Hoff, die junge Ärztin unseres Kreises, die – ohne es zu wissen – mir die reichste Weide zeigte, die ich seit Jahrhunderten gesehen hatte. Sie forschte an Schlafzuständen, an jenen Frauen und Männern, die in den Kliniken der Stadt lagen, weil ihr Geist die Nacht nicht mehr fand: Schlaflose, Nervenkranke, Opiumabhängige im Entzug, Fabrikarbeiterinnen, deren Körper unter dem Takt der Maschinen zerbrochen war und die man nun mit Chloral und Morphium in einen künstlichen Schlummer zwang, damit sie am nächsten Morgen wieder funktionierten.
Bei einem unserer nächtlichen Treffen, während sie mir stolz ihre neuesten Aufzeichnungen zeigte – Kurven, Pulsraten, Notizen über wiederkehrende Träume, jene Art von Muster, die ich sie selbst zu suchen gelehrt hatte –, begriff ich, was vor mir lag. Niemand zählte diese Menschen genau. Niemand vermisste sie, wenn eine Nacht anders verlief als die vorherige, denn ihre eigenen Erinnerungen waren durch die Mittel bereits so vernebelt, dass ein fehlender Streifen Zeit, ein blauer Fleck, eine ungewöhnliche Mattigkeit am Morgen als Symptom galt, nicht als Zeugnis.
Sie waren die perfekte Herde: bereits stumm gemacht von der Welt, ehe ich sie überhaupt berührte. Ich bot Marlene an, die Klinik als „stiller Wohltäter“ zu unterstützen – zwei neue Betten, ein Studienzimmer, Apparaturen, die angeblich dem Schlaf dienten, in Wahrheit aber nur der Verschleierung meiner eigenen nächtlichen Besuche. Sie nahm dankbar an; für sie war ich ein Gönner der Wissenschaft, ein weiterer Beweis, dass die Gesellschaft der blauen Stunde ihr Türen öffnete, die ihr als Frau sonst verschlossen blieben. Ich wählte niemals dieselbe Person zweimal in kurzer Folge, niemals jene, deren Fieberkurve genau geführt wurde, stets jene, deren Akten schon vor mir lückenhaft waren. Ich nahm wenig, gab manchmal sogar – ein geflüstertes Wort, das ihre Träume ruhiger machte, ein Anschein von Fürsorge, der Marlene in ihrem Glauben bestärkte, ihre Klinik sei gesegnet mit ungewöhnlich guten Heilerfolgen. So wurde aus einem Ort der Verzweifelten eine verlässliche, sich selbst erneuernde Quelle, geschützt durch Wissenschaft, verschleiert durch Mitleid, niemals hinterfragt, weil jeder, der dort schlief, längst gelernt hatte, seinem eigenen Gedächtnis zu misstrauen. Ich dachte an mein eigenes Vergessen, an die Jahrzehnte, die mir selbst gestohlen wurden, während ich unter Stein und Erde lag, und fand darin eine bittere, fast höfliche Symmetrie: Ich, der das Vergessen so gut kannte wie kein anderer, hatte nun einen Ort gefunden, an dem das Vergessen selbst für mich arbeitete.
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