Eintrag 12 | Was der Tod einer Feindin zurückgab

Eintrag 12 | Was der Tod einer Feindin zurückgab

Die Nachricht erreichte mich nicht durch einen Brief, nicht durch Élodies Spione, nicht einmal durch Armands schriftlichen Hinweis. Sie erreichte mich durch etwas viel Beiläufigeres: eine Randnotiz in einem der Berichte, die die Gesellschaft der blauen Stunde mir zutrug – ein Uhrmacherkollege erwähnte beiläufig einen „Vorfall“ unten an den Docks, im südlichen Hafenviertel derselben Stadt, in der ich seit Jahren mein Institut betrieb. Feuer in einem alten Kontor. Ein „Kult“ zerschlagen. Mehrere Verhaftete. Ein „besonders grausames Wesen“ unter den Toten, dessen Leichnam sich weigerte zu verwesen, bis man ihn schließlich verbrannte. Ich las die Zeilen dreimal, ehe der Name in meinem Gedächtnis aufstieg wie eine Klinge, die man zu lange im Wasser vergessen hatte.

Zamira.

Sie war hier gewesen. In derselben Stadt. Vielleicht seit Jahren. Vielleicht länger, als ich selbst schon meine Kuppel aus geschwärztem Glas über den zentralen Saal gespannt hatte. Und ich hatte es nicht gewusst – nicht gespürt, nicht geahnt, obwohl ich mir eingebildet hatte, jede Bewegung in Armands Domäne zu lesen wie eine Karte. Sie hatte sich besser verborgen als ich. Das allein sagte mehr über sie aus als jede Erinnerung, die ich an sie trug.

Es gab keinen Zweifel, sobald ich die Beschreibung der Verhaftungsmethoden las: Fallen, die nicht für Wölfe gestellt waren. Köder, die aus Verzweiflung falsche Hoffnung machten. Männer, die glaubten, in geordneten Reihen sicherer zu sein vor etwas, das keine Reihen kannte. Ich hatte diese Methoden am eigenen Leib erlebt, Jahrhunderte zuvor, in einer Scheune, an Ketten hängend. Nur diesmal hatte das Muster nicht mich gefangen. Es hatte sie gefunden. Zamira, die mich einst mit müheloser Präzision entwaffnet, die mir Gisgo genommen und mich zur Rache getrieben hatte – Zamira, die für mich über Jahrhunderte zu einer Art Fixpunkt geworden war, auch wenn ich es mir nie eingestand. Solange sie existierte, irgendwo, unsichtbar, bedrohlich, war ein Teil meiner ältesten Geschichte noch wahr. Sie war die Einzige gewesen, die Magon gekannt hatte, ehe er Serapion wurde, ehe er Sergio Parion wurde, ehe er der Architekt wurde. Sie hatte jede meiner Häutungen miterlebt, selbst aus der Ferne, selbst als Feindin.

Mit ihrem Tod erlosch nicht nur eine Gefahr. Es erlosch ein Zeuge. Die Letzte, die mit Sicherheit hätte bestätigen können, dass es einst einen Jüngling namens Magon gegeben hatte, der Wache stand für eine Göttin, die heute niemand mehr anbetet. Ich saß lange mit dem Bericht in der Hand, in meinem Arbeitszimmer, und spürte etwas, das ich nicht sofort benennen konnte – bis ich begriff, dass es Trauer war. Nicht um sie. Um das, was mit ihr für immer unbestätigt blieb. In den folgenden Nächten begann ich, mich an sie zu erinnern, nicht als Feindin, sondern als Lehrmeisterin wider Willen: die Art, wie sie einen Raum betrat, ohne ihn zu betreten. Die Art, wie sie Fragen stellte, die schon die Antwort in sich trugen. Die Art, wie sie eine Fährte las, als sei die Welt ein aufgeschlagenes Buch. Ich hatte sie einst nur gefürchtet. Jetzt, da sie fort war, konnte ich sie studieren, wie man einen toten Meister studiert – ohne die Angst, die einst jede Lektion verzerrt hatte. Ich begann, ihre alte Methodik in mir nachzubilden: das Lesen von Mustern, von Wegen, von Gewohnheiten, nicht nur bei Beute, sondern bei jedem, der mir begegnete. Wer beobachtet wird und wer beobachtet. Wer eine Fährte legt und wer ihr folgt. Es war, als hätte sie mir, im Sterben, unfreiwillig ihre letzte Lektion hinterlassen: Ich lernte, eine Jagd zu erkennen, lange bevor sie begann – gleich, ob ich der Jäger war oder das Wild

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Die Nachricht von Zamiras Ende hatte etwas in der Stadt verändert – nicht sichtbar, nicht sofort, jedoch wie ein Stein, der unter der Wasseroberfläche verschoben wird und dessen Wellen erst später den Ufersaum erreichen. Auch unter den Sterblichen begann sich in jenen Wochen etwas zu regen, das ich zunächst nicht ernst nahm.

Es begann als Karikatur. Eine jener spöttischen Zeichnungen, wie sie in den Kunstzeitschriften kursierten, die Élodies Salons so liebten – eine übertriebene, groteske Silhouette, ein hagerer Herr mit Handschuhen und einer Kuppel aus schwarzem Glas über dem Kopf, betitelt „Der Architekt der Einbildung: Ein moderner Alchemist ohne Gold.“ Ich hätte darüber lachen sollen. Ich hatte über Jahrhunderte gelernt, dass Spott meist harmloser ist als Neugier.

Doch dieses Blatt traf tiefer, als ich erwartet hatte, denn es war nicht bloß Spott über einen exzentrischen Sonderling – es enthielt Details, die kein Fremder hätte kennen dürfen: die Kupferdrähte am Boden, die gegenüberstehenden Spiegel, die Öffnung in der Kuppel, durch die nur in bestimmten Nächten Mondlicht fiel. Details, die nur jemand kennen konnte, der tatsächlich in meinem Institut gestanden hatte. Victor Salomon, dachte ich zuerst, doch seine Hand erkannte ich in der Zeichnung nicht. Jemand anderes hatte gesehen, was er sah, und es weitergetragen, bis es zur Belustigung ganzer Salons wurde – mein Werk, meine sorgsam gehütete Arbeit, reduziert auf eine Pointe für Menschen, die champagnergetränkt über die „neue Marotte des reichen Sonderlings“ kicherten.

Ich reagierte, wie ein Mensch reagiert hätte, der zu lange geglaubt hat, über solchen Dingen zu stehen: mit verletztem Stolz. Ich ließ über Mittelsmänner Druck auf den Verleger der Zeitschrift ausüben, kaufte Anzeigenraum auf, den ich nie hätte kaufen sollen, drohte einem jungen Redakteur mit Konsequenzen, die ich niemals hätte wahr machen können, ohne mich selbst zu enttarnen. Es war unwirksam, denn Spott lässt sich nicht kaufen – er vervielfältigt sich an genau der Stelle, an der man ihn zu ersticken versucht. Zwei weitere Karikaturen erschienen binnen einer Woche, diesmal boshafter, diesmal mit Anspielungen auf „nächtliche Damenbesuche in Kliniken“ und „seltsame Vorlieben eines Gönners.“ Es kostete mich nicht nur Geld – erhebliches Geld, das ich über Jahre in Diskretion investiert hatte, nun sinnlos verausgabt an Menschen, die meine Reaktion als Bestätigung nahmen, dass an der Sache etwas dran sei. Es kostete mich auch etwas Kostbareres: einen Teil jener Unsichtbarkeit, um die ich mich seit dem Erwachen aus dem Stein so sorgfältig bemüht hatte. Armand ließ mir eine knappe, ungeschriebene Nachricht zukommen – ein einzelnes leeres Blatt, gefaltet in der Form eines Auges. Eine Warnung ohne Worte. Ich hatte gelernt, dass Sterbliche nicht aus Bosheit grausam sind, sondern aus Langeweile, aus dem Bedürfnis, etwas Größeres kleiner zu machen als sich selbst. Meine Reaktion darauf war die eines Fürsten gewesen, nicht die eines Schattens. Ein Fehler, den ich mir nicht noch einmal erlauben durfte.

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Es war in jenen Wochen der Demütigung, während ich noch die Wunden meines eigenen Stolzes leckte, als eine Gestalt aus den Schatten trat, die ich zuletzt in Gádir gesehen hatte, vor so vielen Jahrhunderten, dass ich die Zahl selbst nicht mehr sicher benennen konnte.

Er kam nicht wie ein Feind. Er kam auch nicht wie ein Freund. Er kam wie jemand, der lange geübt hatte, weder das eine noch das andere zu sein und nun nicht mehr wusste, wie er anders auftreten sollte.

Gisgo.

Älter im Blick, obwohl unser Fleisch nicht altert, gezeichnet von etwas, das tiefer saß als Jahre. Er hatte von Zamiras Ende erfahren, so wie ich – durch Umwege, durch Berichte, durch das leise Nachhallen eines Namens, der über Jahrhunderte zu viel Bedeutung getragen hatte. „Sie ist fort“, sagte er nur, als er vor mir stand, in einer Gasse hinter dem Nachtinstitut, als hätte er gewusst, dass ich genau in jener Nacht dort sein würde. Ich fragte ihn nicht, wie er mich gefunden hatte. Manche Fragen verdienen keine Antwort, weil die Antwort ohnehin nur ein weiteres Zeichen jener Verbindung gewesen wäre, die zwischen uns nie ganz zerrissen war, so sehr wir es beide versucht hatten.

Wir sprachen die ganze Nacht. Nicht über Vergebung – dafür war zu viel Zeit vergangen, zu viel Blut, zu viel Schweigen. Sondern über das, was uns beiden gemeinsam war: die Erinnerung an eine Stadt aus Sandstein und Weihrauch, an einen Dolch, den er einst mit eigener Hand geschmiedet hatte, an eine Welt, die ehrlicher gewesen war in ihrer Grausamkeit als diese neue, mit ihren Kupferdrähten und ihren Karikaturen und ihren Fürsten, die durch Banken herrschten statt durch Klingen. In Gisgo fand ich zum ersten Mal seit Jahrhunderten ein Gegenüber, das nicht übersetzt werden musste. Er verstand ohne Erklärung, was es bedeutete, einen Namen zu tragen wie eine Maske. Er verstand diesen alten Hunger, ohne dass ich ihn beschreiben musste. Er verstand, was es hieß, von der eigenen Erschafferin gejagt und geformt worden zu sein, denn auch er trug diese Narbe, nur anders geschnitten als meine.

Wir schlossen keinen Pakt, keinen Schwur, wie ihn einst Banhem und Hannoel mir gaben. Es war leiser als das, vorsichtiger, zwei alte Wesen, die sich das Ausmaß ihres Misstrauens eingestanden und trotzdem beschlossen, es für eine Weile beiseitezulegen. Ich bot ihm Zutritt zu einem Teil meines Netzwerks an – nicht das Herz des Nachtinstituts, nur Zugang zur Gesellschaft der blauen Stunde, zu ihren Augen und Ohren in der Stadt, zu Informationen, die ihm helfen würden, sich in dieser fremden, drahtdurchzogenen Welt zurechtzufinden, die auch für ihn neu und unverständlich war. Er gab mir im Gegenzug etwas, das mich mehr überraschte, als ich zugeben wollte: Zugang zu einem verborgenen Unterschlupf, den Zamira einst für ihre eigenen Zwecke errichtet hatte, tief unter den Docks, unentdeckt von Armand, unentdeckt von jedem Fürsten dieser Domäne – ein Ort, an dem selbst der Architekt, dessen halbes Leben aus dem Bauen sicherer Zufluchten bestand, sich zum ersten Mal seit langem tatsächlich sicher fühlte. Es war keine Freundschaft, wie Sterbliche sie kennen. Es war etwas Kälteres, Vorsichtigeres, aber auch Beständigeres – zwei Überlebende, die einander nicht mehr erklären mussten, warum sie noch da waren.

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