Ich hatte geglaubt, die Welt habe sich verändert.
Doch in Wahrheit hatte sie nur begonnen, ihre wahre Gestalt zu zeigen.
Nach meinem Erwachen irrte ich wochenlang durch eine Stadt, deren Namen ich nicht kannte, obwohl sie vielleicht längst über meinen alten Gräbern gewachsen war. Die Straßen waren gepflastert und nass vom Regen. Über ihnen hingen Drähte wie schwarze Sehnen zwischen den Häusern. Kutschen ratterten neben Maschinen, deren Atem nach Kohle stank. Männer trugen Uhren an Ketten und sprachen von Fahrplänen, Aktien, Elektrizität und Fortschritt, als seien dies neue Götter, denen man nur eifrig genug opfern müsse.
Ich verstand wenig davon.
Aber ich erkannte Anbetung, wenn ich sie sah.
Die Sterblichen hatten die alten Tempel nicht verlassen. Sie hatten sie nur umbenannt. Ihre Altäre standen nun in Bahnhöfen, Fabrikhallen, Laboratorien und Kontoren. Ihr Weihrauch war Dampf. Ihre Hymnen waren das Kreischen von Metall, das Stampfen von Kolben, das Klirren von Glas. Und ihre Priester trugen keine Leinengewänder mehr, sondern Westen, Brillen und tintenverschmierte Finger.
Ich hätte sie verachten können.
Stattdessen begann ich zuzuhören.
Denn etwas in dieser neuen Welt sprach zu mir. Nicht mit Worten, sondern mit Rhythmus. Alles schien verbunden zu werden: Städte durch Schienen, Stimmen durch Leitungen, Gedanken durch gedrucktes Papier. Nachrichten reisten schneller als Reiter. Licht wurde in Glaskolben gefangen. Schatten wichen nicht mehr nur dem Morgen, sondern auch dem Willen der Menschen.
Das beunruhigte mich.
Mehr noch: Es faszinierte mich.
In den ersten Monaten verkaufte ich, was mir geblieben war. Nicht viel. Ein alter Ring, dessen Herkunft ich selbst nicht mehr sicher benennen konnte. Einige Münzen, die einem Sammler mehr wert waren als mir. Eine Klinge mit punischer Arbeit, die vielleicht einmal einem Freund gehört hatte, vielleicht auch nicht.
Am Ende blieb der Sichelstein.
Und auch er musste gehen.
Ich hielt ihn eine ganze Nacht in meiner Hand, während draußen der Regen gegen das Fenster schlug. Der Stein war kalt, wie immer. Vertraut, wie kaum etwas in dieser Welt noch vertraut war. Ich erinnerte mich an den Händler von Qart-Hadasht. An seine kühlen Augen. An seine Worte.
Der Stein wählt selbst.
Vielleicht hatte er mich gewählt. Vielleicht hatte ich mir das nur eingeredet, weil ich in meinem langen Unleben zu oft eine Bedeutung brauchte, wo nur Zufall war.
Als ich ihn am nächsten Abend verkaufte, fühlte es sich nicht an, als gäbe ich Besitz fort.
Es fühlte sich an, als würde ich einen Zeugen töten. Doch viel wichtiger – es fühlte sich an, wie Fortschritt. Die Vergangenheit sein lassen und die Zukunft blicken. So schwer es mir fiel, es war Nötig. Zumindest glaubte ich das.
Mit diesem Geld mietete ich ein verlassenes Gebäude am Rand eines Industrieviertels. Ein ehemaliges Lagerhaus, halb verfallen, von Ruß geschwärzt, mit hohen Fenstern, die ich von innen mit Brettern und schwarzem Stoff versiegeln ließ. Ich bezahlte Maurer, Glaser, Mechaniker, Tischler, sogar einen jungen Arzt, der glaubte, ich sei ein exzentrischer Gelehrter mit zu viel Erbe und zu wenig Schlaf.
Sie stellten keine klugen Fragen.
Nur viele dumme.
Warum ein Raum ohne Tageslicht? Warum Wände aus doppeltem Stein? Warum Kabel, die in Kreisen geführt wurden? Warum Spiegel, die nicht der Betrachtung dienten, sondern einander gegenüberstanden? Warum Kupferdrähte unter dem Fußboden? Warum ein Brunnen im Keller, obwohl die Stadt bereits moderne Leitungen besaß? Warum ein Gewölbe, in dem kein Mensch länger als nötig stehen wollte?
Ich gab ihnen verschiedene Antworten.
Für wissenschaftliche Versuche.
Für photographische Studien.
Für magnetische Messungen.
Für medizinische Beobachtungen.
Für die Untersuchung des Schlafs.
Die letzte Antwort war der Wahrheit am nächsten.
Aber nur wie ein Schatten der Körper ist, der ihn wirft.
Bald nannten sie den Ort hinter meinem Rücken das Nachtinstitut. Einige lachten darüber. Andere bekreuzigten sich, wenn sie glaubten, niemand sehe es. Die Arbeiter erzählten sich, dass die Uhren in meinem Gebäude falsch gingen. Dass man im Keller manchmal Stimmen hörte, obwohl dort niemand arbeitete. Dass die Glaskolben auch dann schwach leuchteten, wenn kein Strom floss. Dass ich Pläne zeichnete, die eher wie Sternkarten aussahen als wie Architektur.
Vielleicht hatten sie recht.
Ich schlief nicht viel in jener Zeit. Oder was immer ein Wesen wie ich Schlaf nennen darf. Ich zeichnete. Ich maß. Ich ließ Wände versetzen, wieder einreißen, neu errichten. Ich berechnete Winkel nach dem Stand des Mondes, ließ Leitungen durch Räume ziehen, die noch keinen Zweck hatten, und befestigte über dem zentralen Saal eine Kuppel aus geschwärztem Glas.
In ihrer Mitte blieb eine Öffnung.
Nicht groß. Nicht auffällig.
Nur breit genug, dass in bestimmten Nächten ein schmaler Strahl Mondlicht hindurch fiel.
Als es geschah, lag er auf dem Boden wie eine Klinge.
Dann trat das Mal an meiner Hand hervor.
Schwarz. Glänzend. Wach.
Und ich wusste, dass ich auf dem richtigen Weg war, auch wenn ich nicht mehr sicher war, ob dieser Weg aus meinem eigenen Willen geboren wurde.
Einmal fragte mich der junge Arzt, was ich mit all dem bezwecken wolle. Er war müde, neugierig und zu ehrgeizig, um Angst zu haben. Ich sah, wie seine Finger über das Notizbuch strichen, in dem er heimlich Skizzen meiner Apparaturen sammelte. Er glaubte, er sei kurz davor, ein Geheimnis zu verstehen.
Ich lächelte.
„Ich baue keinen Ort“, sagte ich zu ihm.
Er wartete.
Also gab ich ihm den einzigen Hinweis, den ich einem Sterblichen zu geben wagte.
„Ich baue ein Gedächtnis, das nicht sterben kann.“
Er lachte nicht.
Das war klug von ihm.
Von diesem Tag an betrachteten sie mich anders. Nicht mehr nur als sonderbaren Herrn, der die Nacht liebte und den Tag mied. Sondern als jemanden, der an etwas arbeitete, das größer war als Vernunft. Sie verstanden nicht, ob ich eine Maschine baute, ein Observatorium, ein Grab oder einen Tempel.
Ich verstand es selbst nicht vollständig.
Vielleicht war es alles zugleich.
Doch während sie rätselten, wuchs in mir eine Fähigkeit, die ich lange nicht gekannt hatte. Nicht bloß Anpassung. Nicht bloß Berechnung. Etwas Weiteres. Ich begann, die Linien der kommenden Welt zu sehen, ehe sie sich geschlossen hatten. Ich verstand, dass die Sterblichen nicht einfach schneller wurden, lauter, heller. Sie begannen, Erinnerung aus Fleisch zu lösen. Schrift, Bild, Ton, Strom, Glas, Chemie – alles diente demselben heimlichen Wunsch.
Nicht vergessen zu werden.
Darin waren sie mir ähnlicher, als sie ahnten.
Ich, der Namen verloren hatte, Freunde, Städte, Schuld und Liebe?
Ich würde ihnen zeigen, wie gefährlich ein Gedächtnis werden kann, das nicht mehr an einen sterblichen Körper gebunden ist.
Vielleicht baute ich mir eine Zuflucht.
Vielleicht eine Falle.
Vielleicht den ersten Raum eines neuen Tempels.
Doch als ich in jener Nacht unter der geschwärzten Glaskuppel stand und das Mondlicht wie eine blasse Wunde auf den Boden fiel, erkannte ich, dass ich nicht mehr nur Überlebender war.
Nicht mehr nur Jäger.
Nicht mehr nur Relikt.
Ich war ein Wesen mit einem Entwurf.
Und zum ersten Mal seit meinem Erwachen aus dem Stein fragte ich mich nicht, ob die Moderne mir eine letzte Schonfrist gewährte.
Ich fragte mich, ob sie vielleicht auf mich gewartet hatte.
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